Vom unfruchtbaren Weinberg

Reminiscere, 17. Februar 2008

Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

(Jesaja 5,1-7)

Jetzt haben die schmerzlichen Einschränkungen des Alters meinen Bekannten unwiderruflich im Griff. Ich habe erfahren, dass er, hoch in den 80ern, seinen Schrebergarten aufgeben musste, nach fast 60 Jahren. Schrebergartenkolonie im ehemaligen Bergarbeiterviertel: eine Welt mit recht strengen eigenen Gesetzen. Und ein immerwährender nachbarschaftlicher Wettstreit um die beste Pflege kleiner Parzellen. Wer hat das schönste Sommerhäuschen? Aber vor allem: wer hat die beste Ernte? Wer kommt mit dem dicksten Kürbis in die Lokalzeitung? Mein Bekannter und Gartenfreund hätte ihn gut verstanden: den Winzer, den der Prophet Jesaja zur Hauptfigur seines Gleichnisses macht. Der ist sich für keine Knochenarbeit zu schade. Ein kleines Stück Feldflur irgendwo im alten Israel mit nackten Händen in einen Weinberg verwandeln – allenfalls mit einer Hacke und einem Winzermesser! Dazu braucht es schon eine Vision: die von den hart erarbeiteten Freuden eines kargen Lebens. „Der Wein erfreut des Menschen Herz“. Aber eben erst nach viel Schweiß, Ärger und noch mehr Geduld. Der kleine Weinberg will der Wildnis abgerungen werden, Quadratmeter für Quadratmeter urbar gemacht und geschützt vor Wildtieren, Vieh, Vögeln und Langfingern. Nichts hat er sich erspart, dieser Winzer, jede Plackerei auf sich genommen. Und das Ergebnis? Eine einzige Enttäuschung. Ein paar wenige Trauben miserabler Qualität, gerade gut genug zum Essig machen. Wieso der Misserfolg? Wir erfahren es nicht, müssen es auch nicht wissen. Der Prophet beschreibt nur die mehr als verständliche Reaktion des Enttäuschten. Was keine ordentliche Weinlese bringt, ist auch den großen Aufwand nicht wert. Dieser Weinberg wird aufgegeben. Die Natur soll sich dieses nutzlose Fleckchen zurückholen. Ja, so ist es vernünftig. Eine recht harmlose Alltagsgeschichte, bis der Prophet zur Sache kommt: Die um ihre Meinung gebetenen Zuhörer werden ein einstimmiges Urteil darüber fällen, was mit so einem hoffnungslosen Weinberg geschehen soll. Sie würden es nicht anders machen.

Doch „des Herrn Weinberg ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing“. Ein Wort, kompromisslos wie ein Hammerschlag. Unübersehbar distanziert ist zunächst das Bild, mit dem Gott sein Verhältnis zu Israel beschreiben lässt. Nicht die aufopferungsvolle Mutter; nicht der unerschütterlich treue Vater; noch nicht einmal der gute Hirte, der seine Tiere sicher leitet. Israel, dem Volk Gottes bleibt nicht mehr als die Rolle eines Fleckchens Erde, das in Kulturland verwandelt werden soll. Ohne gefragt zu werden, ohne Seele, ohne die Chance, Dankbarkeit und Liebe zu zeigen. Ein Produktionsmittel eben, noch dazu eines, das versagt. Allmacht auf der einen Seite, zufällig ausgewählt werden auf der anderen – nur damit sich niemand der Zuhörer Illusionen macht. Nichts kann der ausgemusterte Weinberg tun, um sein Schicksal abzuwenden. Kein Einspruch, keine zweite Instanz. Im Klartext, in der Wirklichkeit der Glaubensgemeinde, der Jesaja gegenübertritt: Euer Bund mit eurem Gott ist gescheitert, aufgekündigt, zu Ende. Euer Gott macht Schluss. Er kann das. Er tut das. Um ein scharfes Jesuswort zu zitieren: „Gott kann, wenn er denn will, dem Abraham auch aus dem Geröll der Wüste Kinder erwecken.“ Wieso? Jesaja nennt die Gründe in einem hebräischen Wortspiel. Es prägt sich den Menschen ein, wie uns ein griffiges Sprichwort:

Gott wartete auf Rechtsspruch – siehe, da war Rechtsbruch.
Er wartete auf Gerechtigkeit – siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“

Die Gottesdienste laufen ab, wie die Tradition es verlangt. Die Opferrituale gehen ordnungsgemäß vonstatten. Die Führer nehmen den Namen Gottes regelmäßig in den Mund. Aber die Armen schreien zu Gott. Nicht nur ihres Elends wegen. Auch wegen der Willkür, der im System steckenden Ungerechtigkeit, die das Elend herbeiführt und zementiert. Das reicht zur Aufgabe des Weinberges, zur Aufkündigung des Lebensbundes. Denn mit der Unterdrückung der Schwachen und Armen verleugnet Israel die Grundartikel des Bundes. Sie selbst waren, daran erinnern Israels Mütter und Väter jedes Kind bis heute, nichts anderes als nach Freiheit dürstende Zwangsarbeiter des Pharao. Ihre Geschichte als Volk beginnt mit der Befreiung. Der dann geschlossene Bund der Zehn Gebote gründet auf der Liebe Gottes – buchstäblich „wo die Liebe hinfällt…“ Aber er gründet ebenso unzweifelhaft auf dem Gesetz der Gerechtigkeit, das auf Dauer die Schwächsten schützt. Mit dem offensichtlichen Bruch dieser doppelten Bundesregel ist der Kündigungsgrund gegeben. Und Jesaja mutet seinen Zuhörern die Kündigung zu.

Für uns Christinnen und Christen wird der Ernstfall daraus, wenn wir Jesu unmissverständliche Feststellung ernst nehmen, kein Jota, kein Häkchen von Gottes Recht werde mit seinem Kommen hinfällig. Die Liebe nicht, aber auch nicht Gottes Verlangen nach Gerechtigkeit in jeder Gemeinschaft, die mit ihm im Bunde leben möchte. Unser Gott – mit diesem Risiko lebt offensichtlich auch die Kirche – ist so sehr menschlich, dass er sich einseitige Kündigungen vorbehält.

Die Kirche als „Weinberg des Herrn“: ein vertrautes Bild. Was aber, wenn der Winzer an diesem Weinberg inzwischen das Interesse verloren hat, nach einer Serie schlimmer Missernten? Menschen, die die Kirchengeschichte als Verbrechensgeschichte schreiben wollen, haben leider keinen Mangel an Stoff. Muslime erzählen ja keine Horrorgeschichten, wenn sie an die Gräuel der sog. Kreuzzüge erinnern: Die Eroberung der Welt durch christliche Mächte mit vorangetragenem Kreuz. Innerchristliche Glaubenskriege, Blindheit, Schweigen, mangelnder Mut angesichts von Arbeiterelend, Angriffskriegen und Judenmord. Eine Liste von entsetzlicher Länge.

Weil man bei anderen den Splitter im Auge deutlicher sieht als im eigenen: nach dem Völkermord im afrikanischen Ruanda in den 90er Jahren, nachdem Kirchen zum Schauplatz unvorstellbarer Massaker geworden waren, gab es im Land ernste Stimmen, die fragten, ob sich die Kirchen Ruandas sich nicht auflösen müssten, weil sie mit dieser Schuld nicht einfach weiterleben könnten. Eine Welt ohne unseren Glauben wäre menschlicher, behaupten populäre Kritiker des Christentums. Was, wenn unser Gott sie in Dienst genommen hätte als prophetische Stimmen? Mit meinen Kenntnissen der Wirkungsgeschichte unserer Religion müsste ich das ertragen. Und hätte mein Leben vertan in einem Weinberg, den der Besitzer schon aufgegeben hat. Es muss ja nicht die ganze Weltkirche sein, die ein abschließendes Urteil zu hören bekommt. Der „Weinberg des Herrn“ hat viele Parzellen. Und die Erträge an Liebe und Gerechtigkeit sind sehr unterschiedlich, so wie die Lagen eines großen Weingutes. Es gibt die Gemeinden und Kirchen, die die Ernte tragen, nach der Jesaja vergeblich Ausschau hielt. Es gibt sie in der Nähe und in der Ferne. Aber wir können uns gegenseitig vor dem gerechten Gott wohl nur begrenzt vertreten. Was den Ertrag gelebten Glaubens betrifft, gibt es wahrscheinlich keine ökumenische Mischkalkulation. Jedes Stück Weinberg muss mit seiner eigenen nüchternen Beurteilung rechnen.

Was bleibt? Was blieb? Auf die kompromisslose Stimme des Jesaja folgte nach der politischen und religiösen Katastrophe des alten Israel eine neue. Wir finden sie im letzten Teil des Jesaja-Buches. Und da hört das gescheiterte Israel von dem neuen lebenskräftigen Reis aus dem tatsächlich abgeschlagenen Baumstumpf. Gott will doch noch einen Neuanfang – in inkonsequenter Liebe. „Es ist ein Ros´ entsprungen“, so klingt diese neue Verheißung an eine gescheiterte Gottesgemeinde in der Fassung unseres Gesangbuches. Jesus stellt dem sein eigenes Gleichnis an die Seite. Einen ertraglosen Baum abhacken, weil er gutes Land blockiert? Ja, eigentlich schon, aber gib ihm noch ein Jahr mit besonders guter Pflege. Vielleicht wird er doch noch gute Ernte bringen. Wenn nicht, dann hau ihn später ab. Persönlicher Glaube, Gemeinden, Kirchen können scheitern. Nehmt diese Botschaft ernst. Aber unserem Gott geht das so sehr gegen den Strich, dass er immer noch Zeit zur Umkehr zugibt. Manches spricht dafür, dass wir in einer solchen Zeit der Zugabe leben.

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