Was Pfingsten geschah

Pfingsten, 27. Mai 2012


Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache? Parther und Meder und Elamiter und die wir wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber: wir hören sie in unsern Sprachen von den großen Taten Gottes reden.

Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

(Apostelgeschichte 2,1-13)

Im beginnenden Zeitalter der Übersetzungscomputer ist bei der Pfingstgeschichte irgendwie der Lack ab. Gut, wer mehr sagen möchte als „Guten Morgen“, kann sich mit fehlerfreiem „Good Morning“ „Bon Jour“ oder „Buenos Dias“ nicht zufrieden­geben. Es mag noch etwas dauern, bis die elektronische Simultanübersetzung der Sonntagspredigt beim Besuch der chinesischen Partnergemeinde, die ihr vielleicht eines schönen Tages haben werdet, auf Kopfhörer und Bildschirm mitlaufen wird. Aber die rein linguisti­schen Sprachgrenzen sind in unserer Weltkirche schon lange nicht mehr unser größtes Verständigungsproblem. Die werden mit Intelligenz und auch Humor täglich an ungezählten Orten überwunden, wie ich selbst x-mal miterlebt habe. Und selbst, wenn uns die Worte fehlen, verstehen wir eine ganze Menge. Als durchrei­sender Gast habe ich vor Jahren im Kongo in der Dunkelheit eines Dorfes ohne Strom­anschluss einer Mutter zugehört, die ihrem kleinen Jungen immer und immer wieder dasselbe beruhigende Liedchen vorsang. Der Junge hatte eine schmerzhafte Wunde am Fuß mit nach Hause gebracht. Am Ende war er eingeschlafen. Ich erinnere mich an Proteste misshandelter und unterdrückter Menschen, z.B. in Indien und auf den Philippinen, vorgetragen in Sprachen, von denen ich kein Wort verstehe. Die Forderung nach Recht und Menschenwürde hat überall auf Erden eine sehr ähnliche Klangfarbe!

Haben sich also zwei Schlüsselgeschichten aus unserer Bibel erledigt? Die Geschichte vom großen gottgewollten Nichtverstehen beim Turmbau zu Babel? Und die Ge­schichte vom Pfingstmorgen, die diesen Bann löst? Unsere Lebenserfahrung spricht energisch dagegen. Denn so wie wir uns trotz fehlender Sprachkenntnisse verstehen können, können wir bei gleicher Muttersprache aneinander verzweifeln. Und das zweite geschieht ganz bestimmt viel häufiger als das erste. Sprachverwir­rung und Sprachlosigkeit finden sich nicht nur auf den Baustellen des Größenwahns. Sie sickern ein in die Beziehungen zu unseren Nächsten; in unseren Alltag. Dort führen sie zu quälenden seelischen Lähmungen. „Wir können einfach nicht miteinander reden.“ „Er versteht mich einfach nicht.“ Wir alle kennen das.

Aber Pfingsten bleibt ein Sonderfall, unser Sonderfall. Die Sprachlosigkeit der Frauen und Männer des Jüngerkreises nach dem Kreuzestod Jesu, sie findet sich wieder in der wortreichen Sprachlosigkeit unserer Kirche und unserer Gemeinde. Den Frauen und Männern in Jerusalem hatte es nicht die Sprache verschlagen, aber die Hoff­nung. Dafür steht unvergleichlich das desillusionierte Fazit der beiden Emmaus-Jünger, gerichtet an ihren unerkannten Wegbegleiter: „Und wir hofften, er würde Israel erlösen.“ Fester kann uns der Mund kaum verschlossen werden als durch eine enttäuschte Hoffnung, eine enttäuschte Liebe. Das gilt immer im Leben, nicht nur bei der enttäuschten Suche nach dem privaten Glück. Nur ein Beispiel, das historisch sehr nahe liegt: Es gab politische Träume von Gerechtigkeit, über die die einstmals Träumenden heute nicht mehr reden mögen, höchstens im engen Kreis. Zu weh tun die Eingeständnisse, die unumgänglich sind.

Es ist eine Art Zwischenwelt, in der Lukas, der Autor der Apostelgeschichte die Frau­en und Männer der Jesus-Gruppe sieht. Gott hat sie zu Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung gemacht. „Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Die Emmaus-Jünger – nach der Wortwahl des Lukas gehören sie nicht zum engsten Jüngerkreis – tragen die unglaubliche Gewissheit nach Jerusalem, nur um sie dort schon vorzufinden. Ein Selbstläufer nach dem Märchen-Prinzip vom Hasen und vom Swinigel. Osterfreude im engsten Kreis. Ihre Seelen können wieder atmen. Die Türen werden nicht mehr verrammelt. Man beruft per Los sogar einen Nachfolger für den so fürchterlich gescheiterten Bruder Judas. Wozu? Weil Jesus das Volk Gottes zu seinen Lebzeiten eben in zwölf Männern abgebildet hat? Von weiteren Plänen ist jedenfalls nichts bekannt.

Darin unterscheidet sich die Lage am Vorabend des Pfingstfestes in Jerusalem erheb­lich von der in Magdeburg. Unsere Kirchenzeitung, unsere Synoden-Tagesord­nun­gen sind seit längerem voll mit Plänen, wie wir – sozusagen als Bethlehem der protestantischen Weltkirche – das Reformations-Jubeljahr 2017 begehen wollen. Auch wenn das unseren Gemeindekirchenrat bisher noch kalt gelassen haben sollte, unsere ziemlich arthritische Evangelische Kirche Mitteldeutschland befindet sich, wie man heute sagt, im Aktionsmodus; nicht nur, was die theologi­sche und psychologische Flurbereinigung mit der römischen Kirche von heute angeht. Wichtiger und richtiger, wir sehen unsere Kirche auf einer Mission, einer mission, die wir auch unserer nachchristlichen deutschen Gesellschaft auszurichten hätten. Schließ­lich haben Martin Luther & Co ja auch ihre Zeit gründlich aufgemischt und verändert.

Etwas salopp, ich weiß. Aber es geht mir um den Kontrast. Dort die Jesus-Gemeinde von Jerusalem, gewiss, dass er bei ihnen ist alle Tage, den Schatz ihres Osterglaubens hütend, aber ohne alle Pläne in der Welt und für die Welt. Hier wir selber, mit dem Sendungsauftrag Jesu in der Tasche. Aber auch mit dem Urvertrauen, das für die ahnungslosen Jerusalemer aus ihrem wörtlich zu nehmenden Weg mit Jesus kam?

Natürlich war dieser Weg ein Schatz. Ich sah dieser Tage eine Filmsequenz, in der ein junger bärtiger Orientale einer Gruppe von Dörflern die Seligpreisungen der Berg­predigt vortrug, auf aramäisch, wie Jesus gesprochen hat. Absolut unverstehbar. Unten am Bildrand lief als Untertitel der deutsche Text. Ein eindrucksvoller Versuch, die Fremdheit und Nähe des geschichtlichen Jesus von Nazareth fühlbar zu machen.

Und doch, die, die dies erlebt haben, hatten Glaubensgewissheit, aber keinerlei missionarische Reisepläne. Für unseren Kronzeugen Lukas steht das fest. Und der beschreibt alles, aber auch wirklich alles, was er von den ersten Schritten der Kirche überliefert, als Präzedenzfälle, nach dem Motto: so ist es, wenn Kirche passiert!

Pfingsten, schwer für uns zu buchstabieren, ist und bleibt die Erfahrung der Ahnungs­losen. Bis dahin, dass die Ansage, der Nachweis für den „Heiligen Geist in Aktion“ von unverdächtiger, weil eigentlich unbeteiligter Seite kommt. „Wir hören sie, jeder in der eigenen Sprache, von den großen Taten Gottes reden.“ So die Stimmen aus dem Völkergemisch der Sinnsuchenden und Gottsuchenden, die es schon damals nach Jerusalem zog.

Anders als Petrus und Genossen haben wir, wenn wir an die Zukunft von St. Markus denken, an EKM, EKD und Reformationsjubiläum, den „Heiligen Geist auf dem Schirm“, um im Jargon des Computerzeitalters zu reden. Wir können gar nicht anders. Und das macht die Sache nicht einfacher.

Denn die Pfingstregel des Lukas bleibt in Kraft. Ob es sich um einen „Fall von Heili­gem Geist“ handelt, entscheiden nicht wir oder unsere leitenden Frauen und Männer. Das entscheidet, wie in Jerusalem, damals gegen neun Uhr vormittags, das Volk Gottes; die, denen unser Gott Gutes tun will durch die Botschaften, die Taten, die Bekenntnisse unserer Gemeinden und Kirchen.

Das ist passiert, immer wieder. Ich meine auch, Spu­ren davon miterlebt zu haben in meinem Leben in deutschen Gemeinden und in der Weltkirche. Aber du kannst es oder ihn nicht bestellen mit Liefertermin und Wirkungs­weise. Auch nicht mit beschränkter Haftung. Der „Heilige Geist“ hat ja seinen manch­mal unkalkulierbaren Preis für die, die sich mit ihm segnen lassen.

Aber die Sprachbarrieren fallen. Ich denke noch einmal an diesen sehr zurückhaltend gespielten, aramäisch predigenden orientalischen Film-Jesus. Aber der hatte ja seine Untertitel. Und wie gesagt, was die Menschensprachen angeht, rechnen wir fest mit den Übersetzungs-Computern!

Viel wichtiger zur Erfüllung des Auftrages unserer Kirche, für ihre zeitgemäße Gestalt und ihren angemessenen Platz unter den Völkern, sind andere Zurufe des Verstehens. Könnten wir doch ein paar Stimmen von Vereinsamten, von Hoffnungslosen hören, die mit ihren Worten davon sprechen, dass ihnen durch Menschen unserer Gemeinde die Liebe Gottes begegnet ist, erstmals oder wieder neu. Das wäre ein klarer Fall von Heiligem Geist.

Sinnsuchende, Lukas nennt sie gottesfürchtige Menschen aus aller Herren Länder: dass sie in den ungezählten Gemeinden und Initiativen der Weltkirche verstehen und wiederfinden könnten, wonach auch sie selbst sich sehnen – die großen Taten Gottes,

durch die alle, die Hunger haben, satt werden;
durch die kein Kriegsherr Gefolgschaft findet;
durch die die Schöpfung den Geschöpfen dient und nicht dem Mammon;
durch die wir alle gewürdigt werden, dem Willen Gottes auf Erden die Wege zu ebnen.

Pfingsten ist weder eine Frage des Kalenders noch eines ökumenisch einheitlichen Termins. Pfingsten hatte gestern seine Schauplätze, ist heute hier und morgen dort. Dessen bin ich mir sicher. Und man wird über Pfingsten weiter streiten dürfen – ob Grenzen überwindende Gottestat oder Alkoholismus-Verdacht. Aber die Ausgangslage am Pfingstmorgen in Jerusalem war nicht die schlechteste: um Jesus geschart, wenn auch ahnungslos, was kommen würde.

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