Weint mit den Weinenden

Reminiscere, 1. März 2015


Segnet, die euch verfolgen, segnet und verflucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen – und weint mit den Weinenden.

(Römer 12, 14-15)

„Freut euch mit den Fröhlichen – und weint mit den Weinenden.“ Ein Zitat des Paulus aus seinen Lebensregeln für die junge Jesus-Gemeinde in der Welthauptstadt Rom. Von alledem, was er dort rät, was wir nachlesen können im Kapitel 12 des Römerbriefes, klingt dieser Satz am ehesten allgemein menschlich, unserer Selbsterfahrung entsprechend am leichtesten, beinahe von allein zu beherzigen.

So sind wir doch: das Glück, die Freude der uns Nahestehenden steckt an. Was macht es doch für einen Spaß, einem jungen Elternpaar ein sinniges Geschenk zur Geburt ihres Mäuschens zu machen – auch wenn Mama und Papa nicht zur eigenen Verwandtschaft gehören. Und umgekehrt, wir bleiben doch nicht ungerührt, wenn Menschen in unserem Lebensumfeld in tiefes Leid gestürzt werden. Erst recht der schreckliche, der unzeitige, gar der gewaltsame Tod vermag echte Anteilnahme mit den unmittelbar Betroffenen zu wecken.

Ich erinnere mich, dass viele evangelische Gemeinden im Ruhrgebiet in ihren Gottesdiensten, ihren Gemeindebriefen, in Anzeigen, wie auch immer, mitgetrauert haben, als eine türkische Familie am 29. Mai 1993 in Solingen einem mörderischen Brandanschlag zum Opfer fiel. In Magdeburg mag das etwas schwer zu verstehen sein. Aber an Rhein und Ruhr waren die türkisch-muslimischen Einwanderer 1993 längst Teil der lokalen und regionalen Gesellschaft. Nicht besonders gehätschelt – das wird dort niemand – aber eben gekannt, wahrgenommen, konkret wie die Schulzes von nebenan. Leute, mit denen wir seit Jahr und Tag bei Opel, auf den Zechen, in den Schulklassen, in den Schrebergärten, in der Warteschlange im Supermarkt, in der U-Bahn zu tun hatten. Ihre Moscheen fanden sich häufig noch in ehemaligen Tante-Emma-Läden und interessierten uns weniger. Über ihre Vorliebe für bestimmte großfamilienfreundliche Autotypen waren die Witze im Umlauf.

Dass man nach solch einem Mordanschlag mit den Weinenden, mit der ganzen in Entsetzen gestürzten muslimisch-türkischen Gemeinschaft trauert, das war klar – nicht anders als in der Geschichte des Bergbaus. Da war jeder unter Tage verunglückte Mann ein Kumpel und sonst nichts. Die Trauer um die muslimischen Mordopfer von Solingen hat über den Tag hinaus die regionale Gesellschaft im Westen weitergebracht. Die Überlebenden der türkischen Familie Genc haben daran ihren unvergessenen Anteil. Soviel zur der Trauer, die die Grenzen der Religionen überschreitet. „Weint mit den Weinenden.“ Viele Geburtsdeutsche haben das damals getan, Christenmenschen und Religionslose.

Deshalb bin ich heute so ratlos. Fast ein Vierteljahrhundert später, in einer Zeit, in der uns Nachrichten von überall her noch viel schneller und direkter erreichen, scheint unsere Kirche in Deutschland die elementare Fähigkeit, mit den Weinenden zu weinen, verloren zu haben.

Vor zwei Wochen wurden 21 koptische Christen aus Ägypten von Terroristen in Libyen ermordet – vor laufender Kamera, um den Horror rund um die Welt zu verbreiten. Und ihre Glaubensgeschwister in Deutschland finden ganz offensichtlich keine Worte und keine Zeichen, um mit den entsetzten Hinterbliebenen in den Gemeinden am Nil zu weinen und zu trauern.

Ich meine nicht die offiziellen Worte der Anteilnahme, die sicher gesprochen worden sind, ohne dass sie die allgemeine Öffentlichkeit erreicht hätten. Ich spreche von dem, was Menschen eigentlich tun ohne Etikette, ohne förmliche Verpflichtung, wenn der schreckliche Tod ihre Nächsten trifft. Ja, empfinden wir die nicht erst jetzt in ständiger persönlicher Gefahr lebenden koptischen Christenmenschen überhaupt als „Nächste“, als uns unzweifelhaft Nahestehende, Verbundene – sie und andere Glaubensgeschwister aus den uralten Kirchen des Orients in Syrien, im Irak, in der Türkei? Christen und Gemeinden, die nicht in den Ruhmesannalen irgendwelcher europäischer Missionsgesellschaften verzeichnet sind? Kirchen und Gemeinden, die den Namen Christi schon Jahrhunderte vor den ersten Taufen auf den Waldlichtungen Germaniens getragen haben und bis heute tragen?

Gestern, so heute morgen die Meldungen, sind wieder 15 Christen im Machtbereich der IS-Terroristen ermordet worden, offensichtlich weil sie Christen waren. Und diskutiere jetzt niemand rechthaberisch, ob sich die Kirchen des Orients in den politischen Konflikten ihrer Heimatländer perfekt an der Botschaft Jesu orientiert haben! Die Worte müssten uns angesichts unserer Kirchengeschichte im Hals stecken bleiben. Und wir blicken der bitterbösen Tatsache ins Auge, dass auch christliche Fanatiker morden, als Milizionäre in Zentralafrika z.B. oder in der gotteslästerlichen „Lord´s Resistance Army“, die einst in Ostafrika entstand. Sie vergewaltigen die Botschaft Jesu wie der IS und seinesgleichen die Offenbarung des Islam.

Also: woher kommt die offensichtliche Unfähigkeit unserer Gemeinden, mit den Weinenden unserer eigenen Glaubensfamilie zu weinen? Warum haben unsere Medien keinen Anlass, über spontane Trauergottesdienste ganz normaler Gemeinden in Deutschland zu berichten – samt evangeliumsgemäßen Botschaften, die von dort ausgehen?

„Segnet, die euch verfolgen, segnet und verflucht nicht“, lautet dazu der Rat des Paulus in einer Wirklichkeit, die tödliche Bedrohungen einschloss. Ein Rat, der den Rache-Luftangriffen des bedrohten ägyptischen Staates so gar nicht entspricht.

Haben die Christengemeinden Deutschlands sich einfangen lassen von dieser ungeschriebenen Regel unserer religionslosen Öffentlichkeit, die Religiösen aller Couleurs ihrer Unaufgeklärtheit samt den Folgen zu überlassen und selber Ruhe zu bewahren? Kein gefühlsgeladenes Wort! Schweigen hilft am ehesten. Mir will es so scheinen. Aber unter uns, der ökumenischen Christenheit ist das unüberbietbar lieblos und töricht obendrein. Nebenbei: auch kein treuer Muslim erwartet dieses Totschweigen, diese Tränenlosigkeit. Sie würden uns zur Seite stehen, so wie viele unserer Gemeinden damals den muslimischen Türken in Solingen.

So hoffe ich, dass der Geist Jesu uns doch noch wecken wird aus der Erstarrung dieses angeblich politisch korrekten Zeitgeist-Schweigens. Wer zusammen mit Jesus trauert, wird vom furchtbaren Zwang nach Rache befreit. Aber er kann den bitter Weinenden auch so nahe sein, dass sie es spüren, dass es ihnen hilft.

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