Welt-Aids-Konferenz

5. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juli 2004

Jesus: „Ich bin krank gewesen. Und ihr habt mich besucht… Denn was ihr einem unter meinen geringsten Schwestern und Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan“

(Matthäus 25,36+40)

Er ist ein cleverer junger Mann und wirklich nicht schüchtern, der Praktikant bei der Aids-Hilfe Sachsen-Anhalt. Umso mehr ärgert ihn, was er am letzten Wochenende erlebte als Mitarbeiter am Stand der Aids-Hilfe beim Sachsen-Anhalt-Tag. Acht Stunden lang haben die Leute einen großen Bogen um die Aids-Hilfe gemacht. „Die schienen zu glauben, sie kriegen Aids, wenn sie nur unsere Broschüren berühren,“ meinte er.

Aids, da machen´s viele von uns immer noch wie die drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Aber es hilft nichts: von Magdeburg bis an die Enden der Welt ist Aids Realität. Und alles, was zum Leben gehört, hat auch mit dem Glauben zu tun.

Heute beginnt in Bangkok in Thailand die Welt-Aids-Konferenz. Fachleute unserer Kirche nehmen daran teil. Und ich möchte diese Minuten nutzen, um Zeugnis abzulegen von dem guten Kampf, den viele unserer Glaubensgeschwister heute gegen diese Armutskrankheit sondergleichen kämpfen. Zeugnis von dem guten Kampf und zugleich von dem alles andere als einfachen Weg des Lernens, den die Kirchen vor allem in Afrika angesichts der Epidemie gegangen sind und weiter gehen.

Aids, ich wiederhole es, ist eine Armutskrankheit sondergleichen, so wie der Hun­ger. Nur ein einziger von hundert Infizierten in Afrika hat Zugang zu Medikamenten und ärztlicher Behandlung. Bei uns bekommt jeder, was nötig ist – und wir wenden dafür einen sechsstelligen Betrag pro Patient und Jahr auf. Darum können betroffene Mitmenschen in Magdeburg trotz Einschränkungen ein lohnendes Leben gestalten, Pläne machen und verwirklichen.

Betroffene in Afrika oder in den verarmten Staaten Osteuropas sind Siechtum und Tod ausgeliefert. Herrschte bei uns die gleiche öffentliche und private Armut wie in den schlimmsten Epidemie-Regionen – die Situation wäre nicht anders. Afrikaner, Asiaten oder Osteuropäer sind nicht dümmer, nicht verantwortungsloser, nicht unbeherrschter, nicht abergläubischer als du und ich. Sie sind ärmer. So, vor allem anderen, wird ein Schuh daraus.

Als die Opferzahlen in den 80er und 90er Jahren explodierten, fühlten sich ungezähl­te christliche Gemeinden in Afrika in einem Dilemma. Bei Lichte besehen ist ja Afrika der christliche Kontinent der Gegenwart. Was immer dort die Menschen betrifft, be­trifft auch die Kirchen. Immer mehr Menschen siechten dahin und starben. Heilung oder Linderung gab es nicht. Was sollten die Kirchen dazu sagen? Sie besannen sich der strengen Sexualmoral, die für viele afrikanische Kirchen sowieso typisch ist. Aids wird nun mal überwiegend durch sexuelle Handlungen übertragen. Und wen es dann traf, musste die Regeln christlicher Sexualmoral verletzt haben. Aids war die Strafe.

Mit oftmals herzloser Strenge haben Prediger jahrelang die Opfer bloßgestellt und zum abschreckenden Beispiel erklärt. Auch ich selber habe damals in Afrika Prediger so über Aids reden hören, dass es mir kalt den Rücken heruntergelaufen ist. Immer­hin meinte ein Prediger zu meiner kritischen Rückfrage: „Ihr Deutschen habt gut reden. Was sollen wir denn machen? Wir können die Menschen nur schützen, indem wir sie mit allen Mitteln von tödlichen Fehlern abschrecken?“ Katholiken, Nonnen im Gesundheitsdienst z.B. konnten den Menschen noch nicht einmal Kondome anbieten, wenn sie dem Vatikan aufs Wort folgen wollten.

Andererseits breitete sich die Epidemie so rasend schnell aus, dass mir ein ugandi­scher Pastor Mitte der 90er Jahre sagte: „Stellen Sie sich vor, Sie gehen durch Ihre Gemeinde und wirklich jede Familie ist betroffen: die Kranken selbst und die Ange­hörigen.“ Die Kinder, deren Mutter zu schwach ist, um noch für sie sorgen zu kön­nen, deren Vater als Folge der Krankheit seine Arbeit verloren hat.

Längst war klar, die Epidemie ging nicht an den Gemeinden vorbei, nicht an den ernsthaften Christinnen und Christen, nicht an den Kirchengemeinderäten, nicht an der Pastorenschaft, noch nicht einmal an den Bischöfen. Und immer nur die Bußpre­digt als einzige Antwort, während gleichzeitig der Zusammenbruch ganzer Zivili­sa­tionen immer wahrscheinlicher wurde.

In derselben Zeit kamen in Europa und Nordamerika die teuren aber wirksamen Medikamentencocktails in die Apotheken. Sie veränderten die Bedeutung einer HIV-Diagnose gegenüber der Aids-Frühzeit entscheidend. HIV war nicht mehr das Todesurteil, sondern die Verpflichtung zur lebenslangen Disziplin beim Tablettenschlucken. Im Jahr 2002 sind deshalb in Deutschland nur noch etwa 600 Menschen an Aids gestorben, aber allein in Schwarzafrika 2,4 Millionen Kinder Gottes, 6.000 mal so viele. Und unsere allgegenwärtige Kondomwerbung konnte nur deshalb ungeheuer viel Unheil verhüten, weil die Dinger für uns jederzeit erreichbar und erschwinglich sind.

Ein weiteres Mal fiel die Welt auseinander in Reich und Arm. Und dabei ist es in Sachen Aids bis heute geblieben. Das ist der eine Teil der Wirklichkeit. Der andere Teil der Wirklichkeit ist eine Quelle der Hoffnung. Die Horrorzahlen in den Nach­richten dieser Woche stimmen. Aber dahinter sind erste Hoffnungsstreifen am Horizont zu sehen. Politische und wirtschaftliche Entscheidungen tragen dazu bei. Hoffentlich auch die der Welt-Aids-Konferenz in Bangkok!

Vor allem aber waren es ganz normale Menschen, erst wenige, und heute werden es immer mehr, die dem Rad des Schicksals in die Speichen greifen. Und in Afrika – wie könnte es anders sein – sind viele von ihnen engagierte Christinnen und Christen.

Sie alle haben eins gemeinsam: sie konnten sich angesichts des Leidens, das Aids über die Menschen und über die Völker brachte, einfach nicht vorstellen, dass die Bußpredigt Jesu letztes Wort über die Opfer sein sollte. Bürgerkriege; Armut; Unwissenheit; die Frustration von Millionen Wanderarbeitern; die mangelnde Selbstbestimmung von Mädchen und Frauen; die ganz normale Un­acht­samkeit, die alle Menschen gemeinsam haben; die Opfer fehlender Einwegsprit­zen und verseuchter Blutkonserven in Krankenhäusern; die Opfer der jüngsten Generation, die mit bitterem Sarkasmus sagen „Ich kriege es ja doch!“ – und für alle die soll ein Gerichtsurteil im Namen Gottes das letzte Wort sein?

Das konnte nicht der Weg Jesu sein. Und so haben viele einzelne vor Jahren ange­fangen, anders zu reden und zu handeln. Sie haben sich auf die Seite der Opfer gestellt, für sie wirksame Hilfe zu organisieren begonnen. Stellt euch allein mal vor, in Diesdorf gäbe es Dutzende von Haushalten, wo das Familienoberhaupt ganze 11 oder 13 Jahre alt ist. Oder altersschwache Großmütter müssen auf einmal 7 Enkel aufnehmen, ohne dass irgend ein Sozialamt ihnen zur Seite steht. Neben der Nothilfe war es aber auch nötig, offen darüber zu reden, was man tun muss, um sich vor Infektion zu schützen. Da genügte es einfach nicht, immer nur die Worte Treue und Enthaltsamkeit zu wiederholen.

Die meisten christlichen Aids-Aktivisten waren lange Zeit Außenseiter und sind es in manchen Kirchen heute noch. Aber der neue Geist hat die Führung übernommen und weist Afrikas Kirchen angesichts von Aids neue Wege. Sprecherinnen und Sprecher, auf die Afrikas Kirchen hören, sie sagen heute: „Die Kirche hat Aids.“ Und das im doppelten Sinn. Aids betrifft ihre Mitglieder als Kranke oder als Angehörige. Und Aids ist eine der größten Herausforderungen, vor denen Afrikas Kirchen je standen – Sorge, Vorsorge und vor allem auch die Aufgabe der Fürsprecherin der Menschen gegenüber den Regierungen. Denn längst nicht alle Regierungen legen sich so ins Zeug, wie sie das müssten – vor allem nicht zum Wohl der einfachen Menschen, die heute noch außerhalb aller medizinischen Dienstleistungen leben. Eine Partnerorganisation unserer Aktion „Brot für die Welt“ in Südafrika ist für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, weil sie jahrelang mit der Regierung um ein Aids-Aktionsprogramm gekämpft hat, das den Betroffenen wirklich hilft. Wir können stolz darauf sein, solche Menschen zu unseren Glaubensgeschwistern zählen zu können.

Was solltet Ihr mitnehmen von dieser Predigt? Vielleicht den Vorsatz, es anders zu machen als die Mitbürger beim Sachsen-Anhalt-Tag. Vor allem aber den Entschluss, von neuem darüber nachzudenken, wes Geistes Kinder wir sind als Christinnen und Christen. Die Frage „Was würde Jesus dazu sagen“ lohnt sich immer, wenn es darum geht, für wen, für was und wie wir Partei ergreifen sollten. Sicherlich auch eine Portion Stolz auf wagemutige Christinnen und Christen an den Hauptschauplätzen des Kampfes gegen Aids – und die Bereitschaft, sie nach Kräften zu unterstützen.

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