Zum Erdbeben in Haiti

Letzter Sonntag nach Epiphanias, 24. Januar 2010


Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne“

(Psalm 22, 2)

Vor 12 Tagen, in der ersten Nacht nach dem entsetzlichen Erdbeben von Port-au-Prince haben Menschen in der Finsternis der zerstörten Stadt zusammen gesessen und haben gesungen: klagende Glaubenslieder in kreolischer Sprache und Musik­tradition. Kreolisch, diese Mischsprache aus afrikanischen Sprachen und Franzö­sisch; die Sprache des armen Volkes von Haiti: Die Sprache ist selbst ein Zeugnis für den Kreuzweg dieser Mitmenschen: Nachkommen von Sklaven, die gerade lange genug gelebt haben, um Kinder zur Welt zu bringen. Kinder, für die sie nicht sorgen durften – weil sie den Herren der Plantagen gehörten, wie das Vieh.

Dann auf dem Papier bald zwei Jahrhunderte staatlicher Unabhängigkeit. Eine Erbfolge gespenstischer Diktatoren und gescheiterter Reformer. „Armenhaus der westlichen Welt“, wie wir es seit 12 Tagen unentwegt hören. Alle Jahre wieder heimgesucht von den Taifunen, deren Häufigkeit und Zerstörungskraft mit dem menschengemachten Klimawandel in Verbindung gebracht werden.

Auch ohne Taifune und Erdbeben ein Land, wo armer Leute Kinder Lehm in die Brot­fladen gemischt bekommen, weil es für ordentliches Mehl nicht reicht. Ein entsetzlich verarmtes Land, ein christliches Land, in dem viele unserer Hilfswerke – wie die Aktion „Brot für die Welt“ – seit Jahr und Tag tätig sind, ohne dass das auf besonderes Interesse in unserem Kirchenvolk gestoßen wäre. Hunger, den suchen wir auf unserer recht ungenauen inneren Landkarte woanders. Und wenige Flugmi­nuten von Port-au-Prince entfernt liegen schließlich die preiswerten Karibik-Urlaubs­paradiese der Dominikani­schen Republik. Ich wette, auch Leute aus Haldensleben sind in den letzten zwanzig Jahren schon dort gewesen. Auf der „Spanischen Insel“, „Hispaniola“, wie Christoph Columbus sie bei der Entdeckung 1492 nannte, liegen heute bekanntlich zwei Staaten. Der Name „Haiti“ erinnert an den Namen, den die ausgerotteten indianischen Ureinwohner ihrer Heimat gegeben hatten.

Die Klagelieder in der Dunkelheit der Trümmerwüste vor zwölf Nächten, sie sind in einer tränenreichen Geschichte vieler Generationen in bitterster Armut entstanden. Der Klagepsalm, den Jesus in seiner Todesstunde betete, ist ihnen aus dem Herzen geschrien: „Mein Gott, warum hast du uns verlassen? Wir schreien, aber unsere Hilfe ist fern.“

Das Erdbeben war eine Naturkatastrophe. Kein Volk, ob arm oder reich, kann davor fliehen. Aber bald einmal werden Fachleute abschätzen, wie viele Opfer ein ver­gleich­bares Beben im Erdbebenland Japan gekostet hätte. Erdbebensicheres Bauen gehört in diesem wohlhabenden und rechtsstaatlichen Land zu den geltenden Ge­setzen. Ja, ein großer Teil der Menschheit lebt in Weltgegenden, wo Naturkata­stro­phen immer wieder zuschlagen – Naturkatastrophen, die wir nur dem Namen nach und aus Fernsehbildern kennen. Vulkanausbrüche, unglaubliche Stürme und Fluten, Dürre und eben Erdbeben. Und selbst die alltäglichen, harmlosen unter ihnen – ich habe das oft erlebt – gehen an die Nieren. Es ist zutiefst unheimlich, wenn Bilder auf einmal schief hängen, obwohl man sie nicht angerührt hat.

Es gehört zur Lebenstüchtigkeit, zum Lebensmut ungezählter Mitmenschen, sich seelisch auf solche Risiken einzustellen. Und ihr solltet wissen, dass viele langfristige Vorhaben der Katastrophenhilfe unserer Diakonie das Ziel haben, den lebenver­schlin­genden Naturkatastrophen vorzubeugen. Nach der Tsunami-Katastrophe von 2004 sind an vielen Küsten Asiens sichere Zufluchtsorte für Menschen entstanden, die sich bei Gefahr in Sicherheit bringen müssen.

Naturkatastrophen und große Unglücke sind kein Gottesgericht, auf das selbstge­rechte Menschen mit Fingern zeigen könnten. Jesus hat das klipp und klar ausge­sprochen. Naturkatastrophen sind der hohe Preis dafür, dass unsere Erde ein Lebensraum in Bewegung ist – in vielfacher Weise. Auch Menschen in unserer Weltgegend, unter unseren Vorfahren, sind schon zu Opfern geworden. Denken wir an die historischen großen Fluten, die das Erscheinungsbild unserer Küsten völlig verändert haben. Oder an jenes große Dorf in der Schweiz, das im 19. Jahrhundert mit allen Häusern und Menschen von einer ungeheuren Steinlawine bedeckt wurde.

Naturkatastrophen stürzen Menschen in Verzweiflung – ein Gottesgericht sind sie nicht. Von Kriegsfolgen, von Völkermord, vom Hunger, den Menschen herbeiführen und dulden, dürfen wir so nicht reden. Da werden Gottes Gebote so eindeutig gebrochen, dass die Täter – nicht die Opfer – mit dem richtenden Gott rechnen müssen. Was kann die schreckliche Naturkatastrophe von Haiti für unseren Glauben bedeuten?

Zuallererst ist sie eine Erinnerung an das Apostelwort: „Wenn am Leib Christi ein Glied leidet, dann leiden alle mit“, so wie das in einem Körper, solange er lebt, selbst­verständ­lich der Fall ist. Die große Mehrheit der Leute von Port-au-Prince und Um­ge­bung sind unsere Glaubensgeschwister. Ihnen beizustehen ist im buchstäblichen Sinn des Wortes Christenpflicht. Muslime würden über so etwas kaum diskutieren. Die „Umma“, die Weltgemeinschaft der Muslime, hat für ihren alltäglichen Glauben wahrscheinlich mehr Gewicht als für uns das Wort „Ökumene“.

Unser aller Leben hängt von einer Handvoll elementarer Güter ab. Wir haben das nur vergessen. Zehn Tage, zwei Wochen nichts zu essen? Nun ja, das ist bestimmt nicht einfach, aber menschenmöglich. Dieselbe Zeit ohne Wasser? Oder auch nur wenige Male Kloakenbrühe trinken müssen, vor allem die Kinder? Da wird das Überleben zum Wunder. Das Menschenrecht auf sauberes, ausreichendes, erreich­bares, bezahlbares Trinkwasser ist keine Redensart. Es ist eine absolute Lebensnot­wendigkeit und ein Schwerpunkt in der Arbeit vieler Partnerorganisationen unserer Kirche in der armen Welt.

„Weil du arm bist, musst du früher sterben“. Nur der gerechte Gott weiß, wie viele Menschenkinder in Haiti eher ihrer äußersten Armut als dem gewaltigen Beben zum Opfer gefallen sind. Denken wir nur an die Hilfe, die nicht rechtzeitig in ihre elenden Quartiere vordringen konnte.

Solche Armut schweigend zu dulden, irgendwo auf Erden, das kann niemand von der Gemeinde Jesu verlangen. Dazu darf sie sich auch nicht hergeben. Darum bitte ich diese Gemeinde, wie alle Gemeinden in unserer Kirche, ein offeneres Ohr zu haben für die vielen klaren und gut verständlichen Worte, mit denen „Brot für die Welt“, die Mission und andere gute Werke immer wieder die „Gerechtigkeit des Reiches Gottes“, die Menschenrechte für die Armen unserer Zeit einfordern. Denn nach wie vor gilt: „Es ist genug für alle da“ – wenn wir Brot und Recht teilen.

Zum klaren Wort gehört die Tat, die ein klares Zeichen setzt. Dazu brauchen die dafür qualifiziertes Werke unserer Kirche und ihre Partner vor Ort die nötigen Mittel – über die Tage der Schlagzeilen hinaus. Dabei machen die schönsten Geschichten vom Helfen und Teilen oft überhaupt keine Schlagzeilen. Eine solche Geschichte aus Haiti will ich kurz erzählen. (Kurze Erzählung von der Rettung des Kreolenschweins in Haiti)

Schließlich: was Klugheit und Konzept der Hilfe für sehr ferne Nächste angeht, muss unsere Kirche, müssen die christlichen Kirchen insgesamt sich nicht verstecken. Fast überall, wo nach menschlicher Erfahrung Katastrophenhilfe von „jetzt bis gleich“ nötig werden kann, geht das nach dem Motto aus dem Märchen vom Hasen und vom Swinigel. Der kluge Hase kann rufen „Ick bün all da!“ Träger der Ersten Hilfe sind nicht hastig einfliegende deutsche Fachleute, sondern einheimische Partnerorga­ni­sa­tio­nen und ihre Menschen. Ich bin nahe genug dran an den Programmen, um bestätigen zu können: auch in Haiti war das so. Ich kann verstehen, dass unsere Fernsehkamaras sich auf den Abflug von Bergungsfachkräften und ihren Hunden konzentriert haben. Das tun sie immer. Aber da waren die Partner unserer Kirche längst an der Arbeit, als Einheimi­sche, die Weg und Steg kennen. Niemandes Engagement soll gering geschätzt werden. Aber ihr sollt wissen, dass die Partner unserer Kirche fast immer als Erste am Werk sind – und dass dahinter ein Grund­gedanke steckt, der auch viel mit Vertrauen und Respekt zu tun hat. Das gilt auch, wenn viele der Helfer, wie z.B. beim Tsunami von 2004, Hindus oder Muslime sind.

Die Erdbebenkatastrophe vom Januar 2010 in Haiti wird aus den Schlagzeilen verschwinden, schneller als wir heute denken. Was bleibt, ist die Gewissheit des Glaubens: Gottes Liebe und Gottes Gerechtigkeitswillen machen keine Unterschiede zwischen seinen Menschenkindern. Jesus ruft uns, diesem Gott und keinem sonst zu vertrauen und seine Gebote wörtlich zu nehmen: persönlich, als Gemeinde, als Kirche unter den Völkern.

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