Aua-Aua

Unser Chemielehrer Dr. Hippe, seinerzeit schon ein älterer Herr, galt als Sonderling. Aber er war um Lebensnähe im Unterricht bemüht, damals in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. „Hippchen“ hat uns nicht nur Formeln eingetrichtert, sondern uns mit der Nase auf Nutzen und Gefahren der Chemie gestoßen.

Von ihm lernten wir den Begriff „Aua-Aua-Krankheit“, Verzweiflungsschrei und Kampfruf zugleich, im Mund der Japaner, die sich an Cadmium-verseuchten Abwässern furchtbares Siechtum bis zum Tod einfingen. Bald darauf berichtete Dr. Hippe von der „Minamata-Krankheit“; ebenfalls ein Abwasser-Skandal in Japan. Diesmal brachten Quecksilber-Rückstände Leid und jahrelange Todeskämpfe über Tausende. Und damals wie heute: die industriellen Verursacher leugneten solange es nur ging ihre Verantwortung – bis die Tatsachen unwiderlegbar feststanden.

Aua-Aua- und Minamata-Krankheit, zwei Begriffe aus dem Schulunterricht, die in mein Verständnis meiner Umwelt eingegangen sind – obwohl Dr. Hippes Tip, es mit der Chemie zu versuchen, unbeachtet geblieben ist.

Inzwischen sind bald 60 Jahre ins Land gezogen, mit Stationen wie Seveso, Bhopal, Sandoz und zehntausenden anderer weniger medienpräsenter Chemieunfälle. Ich kenne keine wissenschaftlich erhärtete Zahl über die menschlichen Opfer der modernen Chemieindustrie. Aber seit „Aua-Aua“ und Minamata müssen wir bestimmt von einer ungewissen Millionenzahl sprechen. Auf der Ursachenseite kommt von brutaler Gewinnspekulation, über grobe Fahrlässigkeit bis hin zu Unfällen, die eben passieren, alles zusammen.

Der einzige kleine private Quecksilber-Unfall war – wie könnte es anders sein – ein zerbrochenes Fieberthermometer im Kinderzimmer. Ich erinnere mit lebhaft der nervösen Suche nach mikroskopisch kleinen Kügelchen. Ein flüssiges Schwermetall, so was Vertracktes!

Anno 2013 soll nach dem Willen der UNO-Vollversammlung nun in Minamata die „Minamata-Convention“ für die Unterzeichnung durch die Regierungen der Welt ausliegen. Hinter dem beziehungsreichen Titel verbirgt sich der erste Versuch, den Gebrauch des Umweltgiftes Quecksilber in industriellen Prozessen völkerrechtlich einzudämmen. Einstweilen ein recht zahnloser Tiger, sagen Völkerrechtler und Umweltschützerinnen. Schließlich fehlen alle Quoten und Sanktionen, die den auf Kohle setzenden Wirtschaftsmächten, wie Indien und China, Eindruck machen könnten. Allein die Stilllegung tausender Gold-Schürfanlagen mit Quecksilber als Scheide-Chemikalie wird nicht reichen. Außerdem: die Betreiber sind allzu oft selbst bitter arme Teufel.

Da ist es wieder einmal, das Gleichnis vom Wasserglas! Bevor ich ganz privat die Minamata-Konvention dem Andenken an Hippchen widme, müsste ich mir darüber klar werden: ist das nur ein winziges Schlückchen, mit dem sich kein Durst stillen lässt – oder doch ein hoffnungsvoller Anfang, weil er Machthaber und Bürgerinnen daran erinnert, dass die Biosphäre das 21 Jahrhundert nicht lebendig überstehen wird, wenn wir uns nicht penibel Rechenschaft geben über die Folgen unseres Tuns und Unterlassens.

 

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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