Mare Nostrum – auch unser Meer

Mare Nostrum, der Name des abgebrochenen Flüchtlingsrettungsprogramms der italienischen Marine ist in unseren EU-europäischen Sprachgebrauch eingegangen, ob wir uns in der Schule mit Latein herumschlagen mussten oder nicht. Mare Nostrum, unser Meer, das war ursprünglich ein auf zwei Worte eingedampfter Machtanspruch. Rom war der Nabel der Welt. Und die zum Herzstück des Imperiums gehörenden Fluten waren das mare nostrum. Aber auch darüber hinaus galt an jedem Küstenabschnitt rund um unser Mittelmeer der Herrschaftsanspruch der Republik am Tiber, später dann der der römischen Cäsaren. Und die Cäsarenkarikatur Mussolini hat sich dann der Machtphantasie vom Mare Nostrum bedient, um seiner Eroberungspolitik den Mantel historischer Größe umzuhängen.

Was Italiens Regierung und Marine bewogen hat, ihre bis unter die Küste Libyens vorgeschobene Rettungsaktion sprachlich unter die Schirmherrschaft des alten Rom, wohl weniger die des Duce, zu stellen, kann ich nur vermuten. Am ehrenwertesten wäre es, wenn dieses besitzanzeigende Fürwort Nostrum, unser, die Anerkenntnis von unabweisbarer Mitverantwortung ausdrücken sollte. Damals, Ende 2013, nach dem Ertrinkungstod hunderter Flüchtlinge vor Lampedusa, hätte Nostrum also bedeutet: was auf diesem sog. Nebenmeer des Atlantiks passiert, geht auch uns etwas an. Und deshalb nehmen wir uns die Freiheit, dieses Mal nicht als Eroberer, sondern als Retter dicht unter fremden Küsten zu erscheinen und zu handeln.

Italien hat seit Ende 2013 in einem Jahr und für reichlich 100 Millionen Euro bis zu 100.000 Flüchtlinge unversehrt aus dem Wasser gezogen und dann seine Mare-Nostrum-Aktion beendet.
Der etwas abgelenkte Nachrichtenkonsument konnte meinen, nun werde eben die EU als Ganze übernehmen; kaum dass man sich die neuen Namen Frontex und Aktion „Triton“, merken müsste.

Nun gehört Triton zwar in die Familie der griechischen, also ortsansässigen Meeresgötter. Aber Frontex ist keine humanitäre Organisation, sondern eine knallharte Grenzsicherungsbehörde der EU. Ihre Boote haben im letzten halben Jahr deshalb auch nicht mehr Kurs auf die afrikanischen Küsten genommen, sondern sich wie Hütehunde in einem engen Halbkreis um die Küsten Siziliens gesammelt. So kentern die skrupellos überladenen Gummiboote und Kähne seit Beginn der Schönwetterperiode hunderte von Seemeilen vor den zur Rettung verpflichteten EU-Wächtern. Der April 2015 listet einmal 400, einmal vielleicht 900, dann wieder 100, und so fort, im Meer Versunkenen: eine Schreckensliste von Taten unterlassener Hilfeleistung, begangen von der insgesamt wohlhabendsten Völkergemeinschaft auf Erden.

Die EU-Regierungen können gar nicht anders, als sich jetzt wieder zusammenzusetzen und ihre auf Selbstbetrug und das St.Florians-Prinzip gebaute Flüchtlingspolitik der unerträglichen Wirklichkeit anzupassen. Viele bisher autoritär heraus posaunten politischen Rezepte haben ein kurzes Verfallsdatum. Mit einiger Erfahrung in der Begegnung mit Flüchtlingen kann ich z.B. über das Konzept von Asylantrags-Außenstellen der EU in Nordafrika nur den Kopf schütteln. Hier geht es nicht um die Konzession für eine Frittenbude. Wenn ich die nicht bekomme, kann ich das verschmerzen. Aber mit einem abgelehnten Asylantrag in der Hand krame ich selbstverständlich den Zettel mit den Kontaktdaten für die Schleuser aus der Hosentasche. Was sonst?

Vollends, Verzeihung, idiotisch oder gewollt irreführend sind die gebetsmühlenartig wiederholten Empfehlungen, man solle die wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte in den Armutsgesellschaften des Südens zum Tragen bringen. So kann man mit einer richtigen Forderung für die nächste Generation der heutigen Flüchtlingsgeneration pauschal und besser wissend die Tür weisen.

Ich hoffe, Regierungen und EU-Behörden werden Entscheidungen treffen, mit denen die Gewissen ihrer Bürgerinnen und Bürger leben können. Der erste Schritt freilich ist nicht administrativer Art. Dieser Schritt muss sein, dass wir mit einer die Politik tragenden Mehrheit Ja sagen zum Mare Nostrum im wesentlichen Sinne des Wortes. Ja, ich habe verstanden, dass mich das etwas angeht, was auch in meinem Namen auf diesem kleinen und doch so lebensgefährlichen Meer getan und unterlassen wird. Mein Bild von Menschlichkeit, vom Menschen, meine Ansprüche an das Leben, meine Vorstellungen von der Zukunft – all das wird auf dem Mare Nostrum gerettet – oder auch nicht.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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