Hungerblockade – diesmal im Jemen

Die Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisation OXFAM hat einen guten Ruf zu verlieren. Deshalb unterstelle ich, dass die Freunde nicht um der puren Schlagzeile willen davon sprechen, dass die kriegsbedingte Hungerblockade im Jemen inzwischen nahezu die Hälfte der Bevölkerung der Gefahr des Hungertodes aussetzt. Die schon zu normalen Zeiten gegebene Abhängigkeit der Menschen von massiven Nahrungsmittelimporten ist jedenfalls eine international bekannte Tatsache.

Wenige Monate Luft- und Bodenkrieg, vom sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran in das Land am Südrand der arabischen Halbinsel hinein getragen, genügen jetzt, um das Schreckgespenst des wahllosen Hungertodes Ungezählter herauf zu beschwören – als Kollateralschaden eines wütenden religiös verbrämten Hegemonial-Krieges.

Ehe andere es tun, erinnern wir uns besser selber: unter dem Hakenkreuz war der gewollte Hungertod von Millionen Bestandteil des Vernichtungskrieges. Der Name Leningrad steht für viele andere.

Um so unvergesslicher, dass meine Kindergeneration nach 1945 nicht nur durch strenge Verwaltung des Mangels seitens der Siegermächte, sondern auch durch die freie Initiative von Bürgerinnen und Bürgern, denen das Entsetzen über Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen noch in den Seelen steckte, vor bleibendem Schaden bewahrt worden ist. Niemand konnte sie zwingen, Care-Pakete und Schulspeisungen zu bezahlen. Sie taten es einfach.

Hungerblockade als Mittel der Kriegsführung: zu einer unabweisbaren persönlichen Herausforderung wurde das für mich während des Biafra-Krieges in Nigeria 1968. Das Entzücken über meinen properen ersten kleinen Sohn und die unerträglichen Bilder vom Leiden der Kinder im Hungerkessel waren einfach nicht zusammen zu bringen.

Später habe ich viel dazu gelernt; so über das Mächtegruppen und verfeindete Systeme übergreifende Einvernehmen der Kriegspraktiker, dass sie auf die Hungerwaffe nie und nimmer verzichten wollen – auch wenn sie deren unmenschliche Anwendung immer nur den Anderen öffentlich als Kriegsverbrechen zurechnen. Biafra ist in Wahrheit nahezu überall. Hungerkrieg ist nirgendwo Betriebsunfall, sondern stets ein As im Ärmel derer, bei denen sich die Herren der Welt ihre Siege bestellen.

Der Hungerkrieg gegen das Volk im Jemen ist so böse wie jeder andere. Aber nur die Mächte, die ihren Kriegshandwerkern nie gestattet haben, die Mordpraktiken des Hungerkrieges durchzuspielen, können jetzt ihrer Empörung Richtung Riad und Teheran glaubwürdig Ausdruck verleihen.

Aber wir Bürgerinnen und Bürger können uns nicht abwenden mit dem achselzuckenden Bemerkungen: „Im Zweifelsfall tun es doch alle!“ Nicht „alle“ sind im Jemen am Werk, sondern zwei mit Namen und Adresse. Ihre Zwecklügen warten darauf, von uns allen entlarvt zu werden, so dass einhalten müssen, dieses mal.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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