Unsere Türken – Unsere Kurden

Türken und Kurden: für unsere Stadt im Ruhrgebiet war das schon vor 20 Jahren keine Angelegenheit hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Türken und Kurden, das war Kommunalpolitik; weniger steif, das war eine heikle Daueraufgabe für alle, die Gewaltausbrüchen zwischen einheimischen Bevölkerungsgruppen vorbeugen wollten.

Einheimisch, zugehörig, längst nicht mehr wegzudenken waren die türkischen Arbeitsmigranten schon damals, auch wenn die große Einbürgerungswelle noch bevorstand. Die niedlichen Fatmas und Mustafas waren die Klassenkameraden unserer Kleinen, wenigstens in der Grundschule. Danach haben sich die Bildungswege noch viel zu oft getrennt.

Der türkische Kumpel oder Opel-Arbeiter war der Normalfall. Das landsmannschaftliche Gastronomie-, Lebensmittel- und Dienstleistungsgewerbe war noch im Aufbau. Moschee-Neubauten waren noch an den Fingern abzuzählen.

Soweit war die Sache einigermaßen übersichtlich. Aber neben den Halbmond-Türken lebten in der Stadt auch diese Kurden; immer eine Minderheit; mehrheitlich zunächst normale Arbeitsmigranten; dann in den 90er Jahren nicht wenige von ihnen aber anerkannte oder auf Anerkennung wartende politische Flüchtlinge. Die persönliche Verfolgungsgeschichte des einen oder anderen Kurden durch Büttel des türkischen Staates schaffte es bis in unsere Tageszeitung.

Wir Alteingesessenen haben unsere Zeit gebraucht, bis wir wirklich begriffen, dass beide Neubürger-Gruppen nicht in einen Topf geworfen werden durften. Ihre Gefühle, ihre Geschichte, ihre unauslöschlichen Erfahrungen sprachen zwingend dagegen.

Unsere Türken ließen auf ihre eigene Hochkultur selbstverständlich nichts kommen. Recht so! Aber dass Kurdisch nicht etwas ein Dialekt des Türkischen sein, sondern eine eigenständige Hochsprache, das mochte kaum einer unser stolzen Deutsch-Türken zugeben – eine Hochsprache, deren Gebrauch in Schule und öffentlichem Leben der kurdischen Siedlungsgebiete im Südosten der Türkei lange Jahre bei Strafe verboten war.

Wir Altdeutschen wiederum konnten nur solidarisch den Kopf schütteln bei der Vorstellung, ein Staat wollte uns aus nacktem Machtkalkül den Gebrauch des Intimsten, der Muttersprache, in Bildungswesen und öffentlichem Leben austreiben. Unvorstellbar, auch wenn die türkische Staatsmacht das Kurdische als Bindeglied zur Kurdischen Diaspora im Nahen Osten fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser.

Der Konflikt war angerichtet. Es war unser Konflikt. Ees waren unsere Türken und Kurden, denen wir helfen mussten, nicht Opfer ihres Zorns, ihrer Demütigungen zu werden.

Ich finde, wir haben unsere Sache damals nicht schlecht gemacht: Parteien, Wohlfahrts-Verbände, auch wir Kirchenleute. Wir haben unsere aufgewühlten Mitbürger mit Geduld und Respekt eins um das andere mal eingehegt, getrennt, für Kompromisse gewonnen.

Selbst ein Fest mit kurdischen Liedern, hätte blutig enden können, wenn ultranationalistische Türken das in den falschen Hals bekommen hätten.

Ein Aufmarsch reisender Kader der rechtsextremen türkischen Grauen Wölfe konnte umgekehrt leicht auf eine wütende Gegendemo von kurdischen PKK-Leuten treffen. In der kurdischen Gemeinschaft waren sie immer eine kleine Minderheit. Aber ihre Öcalan-Flaggen waren unübersehbar – vor und nach dem PKK-Verbot in Deutschland 1993.

Jahr um Jahr, erinnere ich mich, war Newroz, das kurdische Neujahrsfest am 21.März, ein Termin, an dem wir möglichst wenig dem Zufall zu überlassen versuchten. Kein Kurde lässt sich Newzoz, das Hoffnungsfest seines Volkes, aus dem Herzen reißen. Kein Newroz aber auch ohne die in der Türkei streng verbotene kurdische Volksfahne. Ein Bild von erheblichem Provokationspotential.
Es bedurfte mancher, gelegentlich etwas umständlicher Kompromisse, um unserer Stadt ein Newroz der blutigen Köpfe zu ersparen. Am meisten geholfen hat dabei wohl schon vor 20 Jahren, dass Türken und Kurden uns abnahmen, dass sie für uns Bürgerinnen und Bürger waren – ihren bitteren Konflikten zum Trotz.

Wir haben uns Mühe gegeben und Glück gehabt. Unserer Stadt sind wirklich schlimme Ereignisse während der türkisch-kurdischen Konflikte der 90er Jahre erspart geblieben.

Unvermeidlich, dass die aktuelle willkürliche Eskalation des Türkisch-Kurdischen Konflikts durch die türkische Regierung und die absehbaren Reaktionen des bewaffneten Teils der PKK auch in unserer Zivilgesellschaft die Alarmglocken schrillen lässt. Eine halbe Generation nach 1995 sind Türken und Kurden fragloser denn je Teil unseres Gemeinwesens. In unseren Parlamenten sitzen längst Frauen und Männer, denen das Horrorszenario ganz persönlich auf die Seele drückt.

Ich vertraue darauf, dass sie zusammen mit uns allen, das Menschenmögliche tun werden, um die Hochrisiko-Situation, die sich hierzulande zusammenbraut, mit Vernunft, Einfühlungsvermögen, ehrlichem guten Rat zu entschärfen. Eine andere Wahl haben wir nicht.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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