15.000 Generationen legen zusammen – für eine einzige!

Rechnen wir mal konservativ. Schließlich bin ich nicht vom Fach und möchte mir nicht nachsagen lassen, dass ich mit umstrittenen Zahlen Stimmung mache. Konservativ, jenseits der Streits der Fachgelehrten bleibe ich, wenn ich behaupte, dass wir Menschen das Feuer seit mindestens 450.000 Jahren aktiv nutzen und beherrschen. Geteilt durch 30 Jahre, die durchschnittliche Zeitspannen einer Generation unserer langlebigen Spezies, macht das 15.000 mal Mutter-Tochter, Vater-Sohn.
15.000 Generationen aktiver Feueranzünder, also Energienutzer von einer Art, wie sie sich keine andere hochentwickelte Tierart zu eigen gemacht hat.
15.000 Generationen, diese Zahl macht etwas anschaulicher, was Klimaforscher uns unter die Nase reiben: in der nächsten Generation bis zur Jahrhundertmitte wird der Energiebedarf/Energieverbrauch der 7 bis 10-Milliarden-Menschheit so hoch ausfallen, wie der in der gesamten bisherigen Menscheitsgeschichte zusammen. Dabei habe ich – siehe oben – im Rechenexempel die Menschheitsgeschichte grob verkürzt auf jene Periode, in der wir unstrittig Feueranzünder waren, uns also des nachwachsenden Rohstoffes Holz bedient haben.

Die frühen Feuer der Menschheit waren Brutstätten zukunftsfähiger Technologien, die sich zu Kulturen zusammenfügten. Dass sie während der frühen Jahrhunderttausende den Energieträger Holz im Bestand gefährdet hätten, ist eher unwahrscheinlich – anders als in der jüngsten Vergangenheit vor wenigen tausend Jahren, als Bauherren und Seefahrer die Wälder rund um das Mittelmeer abholzen ließen.
An den frühen Feuern machten sich die Alten mit den Jahrtausenden andere Energieträger zunutze, etwas die Felle ihrer Jagdbeute. Auch die nachwachsend, solange die Arten den Jagddruck durch Neandertaler und viel später den Homo sapiens ertrugen.

Die Siebenmeilen-Stiefel unserer Geschichte führen uns in die kürzlichen Jahrtausende, in denen wir nach und nach Energieträger für Landwirtschaft, Transport und technische Innovationen gewonnen haben; Zug- und Reittiere, Wind- und Wasser-gestützte Technologien. Die frühe Metallurgie wurden möglich. Das alles mit einem Input, der die Welt der „Erneuerbaren“ so gut wie nie je verließ. Niemand kann wissen, wann und wo frühe Menschen erstmals einen oberirdischen Kohlebrocken als fossile nicht erneuerbare Energiequelle genutzt haben. Wenn, dann blieb es Episode bis in unser Mittelalter. Unsere Ahnen waren Ökos, ohne es zu wissen und zu wollen.

Machen wir es kurz. Noch zu Zeiten von Christoph Kolumbus und Martin Luther hat beim besten Willen niemand ahnen können, dass sich AD 2015 rechnerisch dieser irre Energiebedarf für die nächste menschliche Generation abzeichnen würde: 15.000 Generationen müssten zusammen legen für eine einzige. Gut, Kaiser und Fugger betrieben damals ihren Bergbau und ihre Staatsbauten, aber Energiequelle waren nicht zuletzt die Menschen, die sich die Seele aus dem Leib schufteten. Weniger als 600 Millionen Unseresgleichen teilten sich damals die Welt. Um 1800 waren wir dann etwa eine Milliarde.

Es ist wohl kein vernünftiger Zweifel daran möglich, dass die irre Konstellation 1: 15.000 in diesen letzten zwei Jahrhunderten zustande gekommen ist. Nicht erneuerbare fossile Energieträger, erst Kohle, dann Öl haben Ruck-Zuck das Profit- und Verbraucher-Paradies geschaffen, dessen seelische und politische Gefangene wir heute sind; – das gleichzeitig die Klimastabilität zerbrechen lässt.

Manche unter uns mögen die bitteren, nein todbringenden, Früchte dieses Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells inzwischen erkennen und den Ausstieg suchen. Aber das Leitbild von der freien, möglichst billigen Energie für jedermann ist in der Welt und wird uns von denen entgegen gehalten, die sich bisher nicht als Nutznießer fühlen konnten.

Angenommen, die 15.000er-Generation wird ihren Energiehunger, wie es sich heute in China, den USA, Indien und so gar bei uns abzeichnet, weiter weitgehend mit Stein- und Braunkohle stillen, dann wird der Blaue Planet mit hoher Wahrscheinlichkeit in der 15.001 Generation zum dramatischen Notfall. Das ist das eine.
Das andere, nämlich an der menschheitgeschichtlich unglaublichen Proportion 15.000:1 , wenigstens ansatzweise etwas zu ändern, kommt wohl auf das Viertel der Menschheit zu, dem wir uns zurechnen müssen.
Wenn wir es schaffen, ohne Verlust an wirklicher Lebensqualität unsere energieabhängigen Ansprüche an das Leben zu halbieren, ist das deutlich mehr als nichts. Ein  gesellschaftpolitisches Ziel ist das sowieso. Es hat sich nur noch nicht herum gesprochen.

Über Harald Rohr

Ich bin Jahrgang 1940 und lebe als ev. Pfarrer i.R. in Niederndodeleben bei Magdeburg. Mehr über mich
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